Am Montag, 13. Juli 2026, soll der Gemeinderat Ravensburg über die geplante Umnutzung der Oberschwabenhalle zu einer wettkampffähigen Großsporthalle beraten und der Umnutzung bereits „im Grundsatz“ zustimmen.
Wir als Campus Ravensburg halten diesen Schritt zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht – und wir halten es für notwendig, uns öffentlich dazu zu äußern.
Denn die Entscheidung über die Oberschwabenhalle ist nicht nur eine Entscheidung über ein Gebäude. Sie ist eine Entscheidung darüber, wie ehrlich Ravensburg über Zukunftsflächen, Bildung, Kultur, Stadtentwicklung, öffentliche Finanzen und Sport spricht.
Warum wir uns als „Campus Ravensburg“ dazu äußern
Seitdem wir die Vision des „Campus Ravensburg“ verfolgen, erfahren wir breiten Zuspruch u.a. von Sportlerinnen und Sportlern wie Giulia Gwinn, Johanna Kneer und Vincenz Mayer aber auch von Unternehmern wie Martin Riethmüller und Alexander Merkel und anderen Persönlichkeiten unserer Stadt, die Ihre Stimme erheben.
Gleichzeitig begegnen uns immer wieder zwei zentrale Gegenargumente von offizieller Seite.
Das erste Argument lautete sinngemäß: Ravensburg hat mit der Oberschwabenhalle bereits eine große Veranstaltungshalle. Diese Halle werde gebraucht, sie sei für Stadt und Region wichtig und komme deshalb für eine Umnutzung oder Aufgabe nicht in Betracht.
Das zweite Argument lautete: Für eine große, mutige Lösung im Bereich Bildung, Begegnung, Kultur, Sport und Stadtentwicklung fehle das Geld.
Beide Argumente haben die Diskussion um den Campus Ravensburg über Jahre geprägt.
Umso bemerkenswerter ist die aktuelle Entwicklung: Seit Februar 2026 steht nun plötzlich im Raum, dass die Oberschwabenhalle als klassische Veranstaltungsfläche offenbar doch nicht mehr dauerhaft benötigt wird. Die Verwaltung schlägt vor, sie zu einer Großsporthalle umzunutzen. Damit wird ausgerechnet jenes Gebäude zur Disposition gestellt, das bisher häufig als Argument gegen größere Zukunftsüberlegungen herangezogen wurde.
Gleichzeitig soll für die Umnutzung der Oberschwabenhalle ein erheblicher finanzieller Rahmen eröffnet werden – mit Investitionen von voraussichtlich 18 bis 25 Mio. Euro, zuzüglich laufender Kosten über Jahrzehnte.
Das wirft aus unserer Sicht grundlegende Fragen auf:
Wenn die Oberschwabenhalle nun doch nicht dauerhaft als Veranstaltungshalle gebraucht wird, warum wurde diese Möglichkeit in anderen Zukunftsszenarien bisher so kategorisch ausgeschlossen?
Wenn plötzlich erhebliche Mittel für eine große Lösung an der Oberschwabenhalle mobilisiert werden können, warum galt eine große Lösung an anderer Stelle bislang als finanziell unrealistisch?
Und wenn die Stadt vor einer Jahrhundertentscheidung steht, warum soll dann bereits ein Grundsatzbeschluss gefasst werden, bevor die vollständigen Kosten unabhängig geprüft sind?
Genau deshalb befassen wir uns als „Campus Ravensburg“ mit dieser Thematik. Nicht, weil wir gegen Sportflächen sind. Nicht, weil wir Schulen oder Vereinen etwas wegnehmen wollen. Sondern weil wir glauben, dass Ravensburg an einem Punkt steht, an dem ehrlich, transparent und generationengerecht entschieden werden muss.
Ravensburg braucht Sportflächen – aber auf Basis ehrlicher Zahlen
Ravensburg braucht zusätzliche Sportflächen. Das ist unstrittig.
Schulen und Vereine benötigen verlässliche Hallenzeiten. Der Schulsport muss bildungsplangerecht stattfinden können. U.a. wartet die Realschule Ravensburg seit Jahrzehnten auf eine schulnahe Lösung. Schülerinnen und Schüler verlieren bis heute Zeit, weil sie für den Sportunterricht Wege zurücklegen müssen, die es bei einer schulnahen Halle nicht gäbe.
Der Bedarf ist real.
Gerade deshalb darf die Entscheidung nicht vorschnell getroffen werden.
Eine Lösung, die über Jahrzehnte wirkt, muss pädagogisch sinnvoll, wirtschaftlich tragfähig, städtebaulich klug und fair gegenüber allen Schulen und ihren Schülerinnen und Schülern sein.
Erst prüfen, dann entscheiden
Nach der Beschlussvorlage soll der Gemeinderat der Umnutzung der Oberschwabenhalle zur Großsporthalle bereits „im Grundsatz“ zustimmen. Die unabhängige Überprüfung der Kostenseite im Hinblick auf Investitionen und künftigen Betrieb soll jedoch erst danach, vor einem Sachbeschluss im Herbst 2026, vorgelegt werden.
Aus unserer Sicht ist das die falsche Reihenfolge.
Ein Grundsatzbeschluss ist politisch kein neutraler Zwischenschritt. Er schafft Erwartungen, bindet Verwaltungskapazitäten, verschiebt die öffentliche Debatte und setzt eine Richtung. Wer heute „im Grundsatz“ zustimmt, macht es im Herbst schwerer, noch einmal wirklich offen über Alternativen zu sprechen.
Eine Entscheidung von dieser Tragweite, die Auswirkungen auf Schulen, Kultur, Stadtentwicklung, den städtischen Haushalt und Vereine über Jahrzehnte hat, darf nicht auf einer unvollständigen Kostengrundlage getroffen werden.
Die bisher genannte Zahl ist keine Vollkostenrechnung
In der Vorlage wird für die Umnutzung der Oberschwabenhalle eine jährliche Belastung von 855.000 Euro genannt. Nach unserem Verständnis umfasst diese Zahl im Wesentlichen Abschreibungen und Personalaufwand.
Nicht enthalten sind nach unserer Lesart die laufenden Sachkosten wie:
Strom und Wärme,
Wasser und Abwasser,
Reinigung,
Wartung und Prüfungen,
Versicherungen und Gebühren,
laufender Gebäudeunterhalt.
Gerade bei der Oberschwabenhalle sind diese Kosten wesentlich. Es handelt sich nicht um eine kompakte neue Sporthalle, sondern um ein großes Bestandsgebäude aus dem Jahr 1959 mit rund 2.000 Quadratmetern Hallenfläche, 850 Quadratmetern Foyer sowie weiteren Neben-, Technik-, Sanitär-, Büro-, Backstage- und Logistikflächen.
Auch nach einer Sanierung bleibt die Oberschwabenhalle ein großvolumiges ehemaliges Veranstaltungsgebäude mit entsprechend hohen Bewirtschaftungsrisiken.
Unsere überschlägige 40-Jahres-Betrachtung
Auf Basis der in der Vorlage genannten Zahlen und ergänzender Annahmen zu den bislang nicht ausgewiesenen Sachkosten ergibt sich folgende Plausibilitätsrechnung.
Für die Oberschwabenhalle als Großsporthalle:
mittlerer Wert 22 Mio. Euro Umbau/Sanierung
8 Mio. Euro Restbuchwert
= 30 Mio. Euro Abschreibungsbasis über 40 Jahre
= 750.000 Euro pro Jahr
Hinzu kommen laut Vorlage:
1,5 Vollzeitstellen à 70.000 Euro
= 105.000 Euro pro Jahr
Damit ergeben sich die in der Vorlage genannten 855.000 Euro pro Jahr.
Da darin die laufenden Sachkosten nicht enthalten sind, haben wir diese überschlägig mit 575.000 Euro im ersten Jahr angesetzt und mit 2 Prozent pro Jahr fortgeschrieben.
Daraus ergibt sich über 40 Jahre:
30,0 Mio. Euro Abschreibung
4,2 Mio. Euro Personal
ca. 34,7 Mio. Euro Sachkosten
= ca. 68,9 Mio. Euro Gesamtkosten
Zum Vergleich: Für eine neue Zweifeldhalle am Standort Rauenegg/Realschule nennt die Vorlage rund 10 Mio. Euro Investitionskosten. Bei 40 Jahren Nutzungsdauer entspricht das 250.000 Euro Abschreibung pro Jahr.
Um den Vergleich nicht zulasten der Oberschwabenhalle zu verzerren, setzen wir für die Zweifeldhalle denselben Personalbedarf an wie bei der Oberschwabenhalle:
1,5 Vollzeitstellen à 70.000 Euro
= 105.000 Euro pro Jahr
Zusätzlich setzen wir laufende Sachkosten von 150.000 Euro im ersten Jahr an, ebenfalls mit 2 Prozent jährlicher Steigerung.
Daraus ergibt sich über 40 Jahre:
10,0 Mio. Euro Abschreibung
4,2 Mio. Euro Personal
ca. 9,1 Mio. Euro Sachkosten
= ca. 23,3 Mio. Euro Gesamtkosten
Die Differenz beträgt überschlägig:
ca. 45,6 Mio. Euro Mehrkosten der Oberschwabenhalle-Lösung über 40 Jahre.
Diese Rechnung ersetzt keine professionelle Kostenprüfung. Sie zeigt aber, warum eine vollständige und unabhängige Vollkostenrechnung zwingend vor einem Grundsatzbeschluss vorliegen muss.
Quellen und Annahmen:
Die Investitions-, Restbuchwert-, Nutzungsdauer- und Personalkostenwerte für die OSH stammen aus der Sitzungsvorlage. Die Investitionskosten der Zweifeldhalle am Rauenegg in Höhe von ca. 10 Mio. Euro stammen ebenfalls aus der Sitzungsvorlage. Die Sachkostenannahmen von 575.000 Euro für die OSH und 150.000 Euro für die Zweifeldhalle sind eigene überschlägige Annahmen und müssen durch eine unabhängige Vollkostenrechnung überprüft werden.
Der Kostenrahmen der OSH-Lösung bindet Spielräume für Jahrzehnte
Die Frage lautet nicht nur, ob die Oberschwabenhalle technisch zu einer Großsporthalle umgebaut werden kann.
Die wichtigere Frage lautet: Welche Lösung schafft mit dem verfügbaren städtischen Geld langfristig den größten Nutzen für möglichst viele Schülerinnen und Schüler, Vereine und Bürgerinnen und Bürger?
Selbst wenn ein offener Restbuchwert von 8 Mio. Euro aufgegeben werden müsste, entspräche der Kostenrahmen der Oberschwabenhalle-Lösung rechnerisch noch immer rund 2,6 neuen Zweifeldhallen. Praktisch könnten also zwei neue Zweifeldhallen gebaut und über 40 Jahre betrieben werden, und es bliebe gegenüber der OSH-Lösung noch immer ein erheblicher finanzieller Spielraum.
Diese Mittel fehlen andernfalls an anderer Stelle: für weitere Bildungsstandorte, Sportflächen, Schulräume, Ganztagsangebote, energetische Sanierungen, Vereinsinfrastruktur und Kulturflächen.
Genau hier schließt sich der Kreis zur Campus-Idee: Wenn Ravensburg bereit ist, über Jahrzehnte erhebliche Mittel für die Umnutzung eines alten Veranstaltungsgebäudes zu binden, dann muss zugleich offen gefragt werden, welche Alternativen mit demselben finanziellen Spielraum möglich wären – für Bildung, Kultur, Begegnung, Stadtentwicklung und Sport?
Berechnungsgrundlage: 68,9 Mio. Euro 40-Jahres-Kosten OSH minus 8 Mio. Euro Restbuchwert = 60,9 Mio. Euro verbleibender Kostenrahmen. 60,9 Mio. Euro geteilt durch 23,3 Mio. Euro je Zweifeldhalle ergibt rechnerisch ca. 2,6 Zweifeldhallen.
Fragwürdige Vergleichslogik in der Vorlage
Besonders kritisch sehen wir die Vergleichslogik der Sitzungsvorlage.
Die Verwaltung schlägt mit der Umnutzung der Oberschwabenhalle zur Großsporthalle faktisch selbst vor, den bisherigen Veranstaltungsstandort Oberschwabenhalle aufzugeben. Wenn diese Aufgabe des Veranstaltungsbetriebs bereits Teil der städtischen Überlegung ist, darf die Alternative einer schulnahen Halle am Rauenegg nicht zusätzlich mit den Kosten einer Modernisierung der Oberschwabenhalle als Veranstaltungshalle belastet werden.
Ein fairer Vergleich müsste lauten:
Was kostet die Aufgabe bzw. Beendigung des Veranstaltungsstandorts Oberschwabenhalle plus schulnaher Neubau am Rauenegg?
Und was kostet im Vergleich dazu die Umnutzung der Oberschwabenhalle zur Großsporthalle?
Nur unter gleichen Prämissen können die Varianten seriös miteinander verglichen werden.
Schulnahe Lösungen ernsthaft prüfen
Die Realschule Ravensburg hat seit rund 60 Jahren keine schulnahe Sporthalle. Eine Halle am Rauenegg würde nicht nur Wegezeiten reduzieren, sondern auch Chancen für Ganztag, AGs, Kooperationen mit Vereinen, schulische Veranstaltungen und Gemeinschaftsflächen eröffnen.
In der Vorlage selbst wird anerkannt, dass mit einer Halle am Rauenegg die Wegezeiten zum Sportunterricht für die Realschule entfallen könnten und der Bedarf der Realschule an Sport- und sonstigen Gemeinschaftsflächen gedeckt werden könnte.
Genau deshalb darf diese Alternative nicht vorschnell aufgegeben werden.
Wenn der Bedarf über zwei Hallenteile hinausgeht, muss geprüft werden, ob mit dem Kostenrahmen der Oberschwabenhalle-Lösung mehrere schulnahe Hallenteile an geeigneten Standorten geschaffen werden könnten. Die Alternative lautet nicht zwingend „eine kleine Rauenegg-Halle oder eine große OSH-Lösung“. Die eigentliche Frage ist, welche Kombination schulnaher, wirtschaftlicher und zukunftsfähiger Hallenflächen den größten Nutzen bringt.
Unser Apell
Wir appellieren an den Gemeinderat, dem Grundsatzbeschluss zur Umnutzung der Oberschwabenhalle am 13. Juli 2026 nicht zuzustimmen, solange keine vollständige Entscheidungsgrundlage vorliegt.
Vor einer Grundsatzentscheidung braucht es:
– eine vollständige unabhängige 40-Jahres-Vollkostenrechnung der OSH-Lösung inklusive Sachkosten,
– eine vergleichbare Vollkostenrechnung für eine Zweifeldhalle am Rauenegg,
– eine Prüfung, ob mit dem Kostenrahmen der OSH-Lösung mehrere schulnahe Hallenteile geschaffen werden könnten,
– eine Vergleichsrechnung unter gleichen Prämissen zur Aufgabe des Veranstaltungsstandorts Oberschwabenhalle,
– eine transparente Darstellung der Wegezeiten für alle betroffenen Schülerinnen und Schüler,
– eine nachvollziehbare Erläuterung der veränderten Bedarfsberechnung von zwei Hallenteilen auf bis zu drei Hallendrittel,
– eine Prüfung von Fördermöglichkeiten und energetischen Einsparpotenzialen bei schulnahen Neubauten,
– und eine ehrliche Diskussion darüber, welche langfristigen Bildungs-, Sport-, Kultur- und Begegnungsflächen Ravensburg wirklich braucht.
Ravensburg braucht zusätzliche Sportflächen. Aber Ravensburg braucht auch Ehrlichkeit im Umgang mit Zukunftsfragen.
Wenn die Oberschwabenhalle als Veranstaltungshalle nun doch zur Disposition steht, dann muss diese neue Lage offen, fair und vollständig diskutiert werden.
Wenn Geld für eine jahrzehntelange Großlösung an der Oberschwabenhalle vorhanden sein soll, dann muss auch ehrlich geprüft werden, welche anderen Lösungen mit demselben finanziellen Spielraum möglich wären.
Ein Grundsatzbeschluss vor Vorlage der unabhängigen Kostenprüfung ist aus unserer Sicht nicht verantwortbar.
Deshalb sagen wir:
Erst vollständig prüfen.
Dann fair vergleichen.
Dann entscheiden.
Euer
CAMPUS RAVENSBURG Team